Steigender Psychotherapiebedarf durch Corona-Krise | Deutscher Dachverband für Psychotherapie startet Initiative

Bereits im April 2020 hatten der Deutsche Dachverband für Psychotherapie (DVP) und der Berufsverband Akademischer PsychotherapeutInnen (BAPt) Herrn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf die nicht zu unterschätzenden psychosozialen Folgen der Corona-Krise und den zu erwartenden Anstieg des Bedarfs an Psychotherapieplätzen aufmerksam gemacht und gefordert, dass auf ECP-Niveau ausgebildete HeilpraktikerInnen für Psychotherapie in die bezahlte psychotherapeutische Versorgung von Menschen eingebunden werden, deren psychische Krisen direkt in Zusammenhang mit den Auswirkungen der Corona-Krise stehen.

Der Deutsche Dachverband für Psychotherapie (DVP) hat sich nun erneut mit einem Schreiben an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gewandt und um eine gemeinsame Kommunikation von Lösungsstrategien zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung gebeten.
Mit der „2021 Initiative Psychotherapie Covid-19“ bietet der DVP Lösungen an, die geeignet sind, die psychischen Akut-Belastungen und Langzeitfolgen durch die Corona-Pandemie abzumildern.
Das Coronavirus hat die Gesundheit von tausenden Menschen schwer geschädigt – körperlich, aber eben auch seelisch, wie sich jetzt immer deutlicher zeigt. „Wir sehen ganz klar die Kollateralschäden des Lockdowns“, sagt Prof. Dr. Matthias Nagel, Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie an der Asklepiosklinik Nord in Wandsbeck bereits im August 2020 im Hamburger Abendblatt. […]
Der DVP e.V. weist in seiner aktuellen Initiative, in die bundesweit an alle Krankenkassen, die Dachverbände der Krankenkassen, der GKV Spitzenverband sowie das Bundesministerium für Gesundheit eingebunden wurden, auf diesen Missstand hin und bietet Lösungen an.
In dem DVP-Schreiben an Jens Spahn (16.02.2021) wird auf den Mangel an Therapieplätzen in der psychotherapeutischen Versorgung hingewiesen und Lösungen angeboten:
„[…] die Corona-Krise, die seit Monaten das öffentliche und private Leben in allen Bereichen fest im Griff hat, führt aktuell zusätzlich zu einem Mangel an psychotherapeutischen Therapieplätzen und somit zu langen Wartezeiten in den Praxen der kassenzugelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Dieses Thema beherrschte bereits in der Vergangenheit zunehmend die (gesundheits)politische Debatte. […]
Als Deutscher Dachverband für Psychotherapie e.V. vertreten wir professionell und qualifiziert psychotherapeutisch tätige Kolleginnen und Kollegen, die ihre psychotherapeutische Tätigkeit auf dem Niveau des European Certificate of Psychotherapy (ECP) anbieten. Die Anforderungen des ECP entsprechen weitgehend den Ansprüchen der Psychotherapeutenausbildung in Deutschland.
[…]
Wir möchten als DVP e.V., im Sinne unserer Mitglieder und Mitgliedsverbände, gemeinsam mit Ihnen eine Lösungsperspektive kommunizieren und eine Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung -ohne lange Wartezeiten- anbieten, um die psychischen Akut-Belastungen und Langzeitfolgen durch die Corona-Pandemie so gut wie möglich abzumildern.

Die Corona-Krise betrifft Einzelne wie Gesellschafft in allen Lebensbereichen in einem ungeheuren Ausmaß.
Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus, vor schwerer Covid-19-Erkrankung und Verlust von nahestehenden Menschen. Getrenntsein von sozialen Kontakten, physische Distanz zu geliebten Menschen, Isolation. Sterben und Trauern in Einsamkeit. Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes und der wirtschaftlichen Existenz. Homeoffice. Homeschooling. Drastische Einschränkungen in allen Bereichen des täglichen Lebens.
Die seit nunmehr einem Jahr anhaltende Ausnahmesituation stellt schon für psychisch stabile und auch unter diesen Umständen noch in finanziell ausreichend gesicherten Verhältnissen lebenden Menschen eine Bewährungsprobe dar, die gemeistert werden muss. Dabei beeinflussen individuelle Resilienzfaktoren Wahrnehmung und Umgang mit belastenden oder bedrohlichen Situationen und wirken protektiv bei potentiell traumatisierenden Ereignissen. Faktoren wie Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Bedeutsamkeit, Vorhersehbarkeit von Ereignissen sowie vorhandene materielle und immaterialle Ressourcen spielen beim Erleben von Bedrohungen und bei der seelischen Bewältigung ebenfalls eine bedeutsame Rolle.
Belastungen, die nicht mehr mit den Mitteln bewältigt werden können, mit denen Menschen seit jeher schwere Belastungen, Ausnahmesituationen und Krisen durchstehen, nämlich mit direkter körperlicher Nähe zu geliebten Menschen, die Mitgefühl und Trost unmittelbar spürbar werden lässt, verursachen Spuren auf der Seele. Dauern die Umstände, die soziale Nähe, Körperkontakt, Handlungsfähigkeit, Hoffnung und Perspektiven einschränken oder verhindern an, während der Alltag überwiegend von Unsicherheit, Angst und Unberechenbarkeit geprägt ist, werden aus den Spuren auf der Seele zunehmend tiefere Spurrillen.
Tiefe Spurrillen brauchen Unterstützung von Außen, um den Boden unter den Füßen wieder ausreichend fest werden zu lassen, damit man wieder sicher auf eigenen Füßen gehen kann.

Die Corona-Krise ist eine chronisch anhaltende Ausnahmesituation, die alle potentiell traumatisierenden Situationsfaktoren aufweist. Ein psychisches Trauma wird definiert als vitales Diskrepanz-Erlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das einhergeht mit Gefühlen von Hilfslosigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein, Kontrollverlust und (Todes-)Angst.
Den potentiell traumatisierenden Situationsfaktoren der Corona-Krise begegnen manche Menschen mit einem gut gefüllten „Resilienz-Rucksack“. Sie tragen möglicherweise schwer, erleben sich aber trotz Krise als handlungsfähig und selbstwirksam. Resiliente Menschen können unter normalen Umständen mit schweren Belastungen ganz gut zurechtkommen. Unter den Bedingungen der Corona-Krise fallen aber Handlungsmöglichkeiten weg, mit denen Schicksalsschläge sonst gemeistert würden. Besuchsverbote in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen lassen den Kontakt zu kranken oder sterbenden Angehörigen nicht zu. Die Anzahl von Trauergästen auf Beerdigungen ist begrenzt und kann dazu führen, dass sich trauernde Angehörige nicht von einem geliebten Menschen verabschieden zu dürfen. Alleinlebende, die bislang ein aktives Leben mit einem großen Freundeskreis geführt haben, leben weitgehend in Isolation. Selbstständige, die hart an der Realisierung ihres Lebenstraums gearbeitet haben, stehen ohne eigenes Zutun vor den Trümmern ihrer Existenz. Menschen, die in medizinisch-pflegerischen oder psycho-sozialen Berufen arbeiten, tun das unter erschwerten Bedingungen und tragen Verzweiflung und Leid der ihnen anvertrauten Personen mit, ohne abends im Yogastudio oder beim Feiern mit FreundInnen Ausgleich zu finden. Auch sehr resiliente Menschen können unter solchen Umständen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen.
Menschen mit nicht verarbeiteten vorangegangenen Traumatisierungen, deren Folgen gut kompensiert waren, konnten möglicherweise bislang ein gutes Leben führen. Mit einer anhaltenden und äußerst belastenden Ausnahmesituation konfrontiert zu werden, kann alte Traumata aufbrechen lassen oder retraumatisieren.
Bei komplex traumatisierten Menschen kann die Corona-bedingte Ausnahmesituation traumabezogene Reaktions- und Handlungsmuster reaktivieren oder intensivieren.
Verbote und Bestrafung bei deren Missachtung, ständig wechselnde und damit unberechenbare Regeln, Begrenzung eigener freier Entscheidungen, Eingesperrtsein und Isolation kennzeichneten die traumatisierenden Lebensumstände in Kindheit und Jugend. Die strukturellen Ähnlichkeiten der Corona-Krise können Überflutungen mit Intrusionen und Flashbacks triggern, weil das Gehirn von Traumatisierten reflexhaft mit traumabezogenen Überlebensstrategien auf einzelne als lebensbedrohlich empfundene Aspekte einer Situation reagiert. Zudem fallen gewohnte und in einer Traumatherapie häufig hart erarbeitete haltgebende Strukturen weg. Der Kontakt zur ambulanten BetreuerIn, Physio- oder ErgotherapeutIn oder anderen HelferInnen und FreundInnen ist eingeschränkt, nur noch digital oder gar nicht mehr möglich. Ihrer TraumatherapeutIn zur Begrüßung oder am Ende der Therapiestunde nicht mehr die Hand geben zu dürfen, kann für Menschen mit frühen Gewalt- und Bindungstraumatisierungen der blanke Horror sein.
Frauenberatungsstellen, TraumatherapeutInnen und andere ExpertInnen warnten schon zu Beginn des ersten Lockdowns, dass eine dramatische Zunahme an häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder unsichtbar bleibt, weil Betroffene keinen Zugang mehr zu niedrigschwelligen Hilfsangeboten haben. LehrerInnen und SozialpädagogInnen erreichen Kinder und Jugendliche, die in schwierigen familiären Umständen leben, nur noch unter extrem eingeschänkten Bedingungen oder gar nicht mehr. Nach einer aktuellen Studie weist schon jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten auf. (Links s.u.)

Menschen, die unter psychosozialen Belastungen oder psychischen Störungen leiden, die durch die Corona-Krise hervorgerufen oder verschärft werden, brauchen dingend professionelle Hilfe. PsychotherapeutInnen mit Kassensitz konnten schon vor der Corona-Krise den Bedarf an Psychotherapieplätzen nicht decken. Wartezeiten auf einen Therapieplatz betrugen bisher mindestens 6 Monate. Menschen mit komplexen traumabezogenen dissoziativen Störungen suchen teilweise mehrere Jahre nach einem Therapieplatz.
Seit Beginn der Corona-Krise steigt der Bedarf an Psychotherapieplätzen zusätzlich enorm an. Laut einer aktuellen Umfrage der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) stiegen die Anfragen nach einem Therapieplatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 40 Prozent, in Privatpraxen sogar um 61 Prozent. (Links s.u.)
Eine zeitnahe psychotherapeutische Behandlung kann aber der Chronifizierung von psychischen Störungen entgegenwirken, die langfristig bis hin zu dauerhaften Erwerbsunfähigkeiten führen kann. Die bezahlte Einbindung von HeilpraktikerInnen für Psychotherapie in die psychotherapeutische Versorgung kann somit auch zur Einsparung von Folgekosten, verursacht durch Arbeitsunfähigkeiten, Klinikaufenthalte und Rentenzahlungen bei Erwerbsunfähigkeit, führen.

HeilpraktikerInnen für Psychotherapie, die nach dem Standard des European Certificate of Psychotherapy (ECP) ausgebildet sind, verfügen über psychotherapeutische Qualifikationen, die den Anforderungen der Psychotherapeutenausbildung in Deutschland weitgehend entsprechen.
HeilpraktikerInnen für Psychotherapie mit einer psychotherapeutischen Ausbildung auf diesem fachlich hohen Niveau können den bereits jetzt enorm gestiegenen und den zu erwartenden weiteren Anstieg des Psychotherapiebedarfs teilweise decken helfen. Da Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz (HeilprG) keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen ist, braucht es dringend einen Kostenträger für Psychotherapie HeilprG. Auch Menschen mit geringem Einkommen oder durch die Corona-Krise weggebrochenen Einnahmen haben Anspruch auf psychotherapeutische Behandlung.
Der Deutsche Dachverband für Psychotherapie (DVP) setzt sich dafür ein, dass Menschen mit durch die Corona-Krise verursachten psychischen Akut-Belastungen und Langzeitfolgen zeitnah einen Psychotherapieplatz bei HeilpraktikerInnen für Psychotherapie mit ECP-Ausbildung erhalten können. Allen Betroffenen wäre sehr zu wünschen, dass Krankenkassen und Bundesgesundsheitsministerium das Angebot des DVP annehmen und gemeinsam eine Finanzierung für Psychotherapie HeilprG auf ECP-Niveau dauerhaft etablieren.


zum Weiterlesen:

2021 Initiative Psychotherapie Covid-19 – Deutscher Dachverband für Psychotherapie (DVP) e.V. (16.02.2021)

Mangel an Therapieplätzen in der psychotherapeutischen Versorgung – DVP, Brief an Jens Spahn (16.02.2021)

Massenandrang auf Psychotherapeuten – Frankfurter Allgemeine (11.02.2021)

Corona: Mehr Ängste und Depressionen durch Lockdown – NDR-Fernsehen (25.01.2021)

40 Prozent mehr Patientenanfragen: Corona kommt in Praxen an – DPtV-Umfrage (12.02.2021)

Häusliche Gewalt nimmt zu – Studie, Bundesfamilienministerium (10.11. 2020)

Soziale Auswirkungen von Corona: Brutaler Lockdown – taz

Wie die Corona-Pandemie Kinder psychisch belastet – Studie, ÄrzteZeitung (16.02.2021)

Heilpraktikergesetz in Gefahr – Psychotherapie HeilprG Lübeck (07.06.2020)

Risiko Heilpraktikerbehandlung? Zahlen & Fakten! – Psychotherapie HeilprG Lübeck (30.01.2021)

Die 7 Schlüssel der Resilienz – Prof. Dr. Jutta Heller

Trauer ist systemrelevant! – Petition

Erhaltung des Heilpraktiker Berufes – Petition


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Privacy Policy: Ja, ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und bin damit einverstanden, dass meine Angaben zweckgebunden zur Beantwortung meiner Anfrage erhoben und verarbeitet werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.